Gebärden oder Laute?

Nachdem hörende Lehrer in Frankreich gegen Ende des 17. Jahrhunderts gehörlosen Kindern das Sprechen beigebracht hatten, entbrannte der Streit, wie Gehörlose zu unterrichten seien – ob in Lautsprache oder in Gebärdensprache.

In Europa wurde die orale Erziehung, also mit strenger Ausrichtung auf die Lautsprache, durchgesetzt. Die Entscheidung dafür fiel 1880 auf dem zweiten Mailänder Kongress, zu dem fast ausnahmslos hörende Pädagogen geladen waren. Sie beschlossen, den oralen Unterricht als das einzig richtige Verfahren an allen Gehörlosenschulen einzuführen. In der Folge wurden gehörlose Lehrer von den Schulen verdrängt und die Gebärdensprache verboten.

Nach dem zweiten Weltkrieg kam in den deutschen Gehörlosenschulen weiter die orale Methode zum Einsatz. Oft legten die Lehrer mehr Wert darauf, dass ihre Schüler sprechen konnten, selbst wenn diese häufig nicht verstanden, was sie da eigentlich sagten. Nach der Schulzeit standen den Gehörlosen nur wenige Berufe offen. Lange beschränkte sich ihr eigentliches Leben auf ihre Vereine, von denen der erste bereits 1838 in Paris gegründet worden war.

Erst zwischen 1970 und 1980 organisierten bildungshungrige Gehörlose in Deutschland Treffen, an denen vereinzelt auch Gehörlosen-Pädagogen teilnahmen; ein Gebärdenlexikon kam auf den Markt; erste Kurse in Gebärdensprache wurden entwickelt; mutige Gehörlose klagten ihre Zulassungen zu Universitäten und Prüfungen ein. Der erste große Fortschritt: die Deutsche Gebärdensprache (DGS) wurde am 01. Mai 2002 vom Gesetzgeber ausdrücklich als eigenständige Sprache anerkannt.

Nach Ansicht von Wissenschaftlern sind die Gebärdensprachen in allen Ländern vollwertige Sprachen. Einziger Unterschied: Sie werden nicht mit Mund, Kehlkopf und Nasenrachenraum sondern mit den Händen, der Mimik und dem Körper ausgedrückt.

Quelle: Zeitschrift "Unsere Familie" (09/2004)



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