Musik nur, wenn sie laut ist?

Mit den Händen singen - das ist keine Methode, um die Stimme zu schonen, sondern Ausdrucksform einer uns wenig vertrauten Kultur. Willkommen in der Welt der Gehörlosen. Wer glaubt, dass er hier auf musikalischen Genuss verzichten muss, irrt.

Musik hören: Aber wozu überhaupt ein Chor, wenn ihn die Gehörlosen nicht hören können?
Diese Überlegung ist zu kurz gedacht. Die meisten gehörlosen Menschen haben noch ein Restgehör - nur etwa zehn Prozent haben definitiv kein Hörvermögen. Während sich Sprache in einem Frequenzbereich von 250 bis 3.000 Hertz abspielt, umfasst Musik einen weitaus größeren, von 30 bis über 4.000 Hertz. Zumindest die tiefen Töne sind für viele Gehörlose noch über das Ohr wahrnehmbar - hörbar. Aber darüber hinaus?

Musik fühlen: Auch Hörende werden schon bemerkt haben, dass Musik auch fühlbar und sogar sichtbar sein kann. Wer schon einmal Orgelpfeifen während des Spiels berührt hat, kann dies bestätigen.
Der Film «Jenseits der Stille» von Caroline Link zeigt in einer Szene, wie gehörlose Schüler Musik über Schwingungen im Fußboden aufnehmen und sich danach bewegen. Aber auch ohne eine Berührung von Gegenständen kann man Vibrationen auf der Haut und im Ohr wahrnehmen - und laute Bässe sogar im Magen spüren, wie es Herbert Grönemeyer im Lied «Musik nur, wenn sie laut ist» besingt.
Zugegeben, meist bedarf dieses Erspüren von Musik schon erhöhte Konzentration und Empfindsamkeit. Verschiedene Untersuchungen über diese Art des Spürens von Tonhöhen zeigen: Tiefere Töne werden in «tieferen» Körperregionen empfunden, höhere Töne in «höheren» Bereichen des Körpers. Kontrabässe und Fagotte werden demnach eher im Brustkorb - Geigen und Flöten eher im Kopf gefühlt. Auf diese Weise können also auch Gehörlose ohne jegliches Restgehör Musik wahrnehmen.
Als Beispiel erklärt Katrin (22), die von Geburt an gehörlos ist: «Ich habe ein gutes Gefühl für Musik. Ich spüre die tiefen Töne besser als die hohen. Wenn ich allerdings Hörgeräte trage, fühle ich hohe Töne besser.»
Die bekannte gehörlose Schlagzeugerin Evelyn Glennie meint sogar: «Durch meine eigene Erfahrung weiss ich, dass es mehr als einen Weg gibt, Musik wahrzunehmen. Meine Art Musik zu hören gibt mir ein Empfinden, das ich dem «normalen» Hören vorziehe. Weil ich mich mit jeder Faser meines Körpers und meines Gehirns konzentrieren muss, erfahre ich Musik viel tiefer.» Da sie erst mit zwölf Jahren gehörlos wurde, kennt sie auch das andere Hören.

Musik sehen: Kann aber auch ein in Gebärdensprache übersetztes Lied als Musik gelten? Das «sign singing» oder auch «song singing» hat vor allem in der amerikanischen Gehörlosenkultur Bedeutung erlangt. Dabei wird, ähnlich wie beim Tanzen, Musik durch Bewegung sichtbar gemacht - womit ein weiterer Weg genannt ist, Musik wahrzunehmen; einen, den wir als «Normalhörende» auch nutzen. Durch die Verbindung von Gebärdensprache, Ausdruck von Emotionen, Bewegung und Musik ist eine besondere Empfindung von Musik möglich, die durch das Gemeinschaftserlebnis mit den Mitsängern bzw. Mitgebärdern noch verstärkt wird. Es können nicht nur die Texte übersetzt, sondern auch die Melodieführung und der Rhythmus nachempfunden werden. Soweit haben wir es mit unserem kleinen Gebärdenchor allerdings nicht gebracht. Es bedarf intensiverer Übung, über die Bewegungsrichtung auch Melodik zu vermitteln.

Musik übersetzen: Welche Schwierigkeiten entstehen, wenn man im Gebärdenchor singt? Da ist zunächst die Liedwahl: Wörter oder Textzeilen, die in einigen Liedern vorkommen, gibt es in der Gebärdensprache nicht, zum Beispiel die Zeile «Psalter und Harfe wacht auf» in dem Lied «Lobe den Herren». Es kam deswegen schon von vorn herein nicht in Frage. Das Lied «Nun danket alle Gott» haben wir trotz ähnlicher Schwierigkeiten dennoch gewählt. Es endet im Gesangbuch mit «und noch jetzt und getan»: Wir haben kurzerhand «und viel mehr Guts getan» daraus gemacht.
Da der Chor beim Vortrag allerdings die Originalfassung sang, mussten wir uns zusätzlich konzentrieren. Neun von uns haben extra für diesen Auftritt die Gebärdensprache gelernt. Insgesamt aber machten wir es uns leicht, indem wir den Text wortwörtlich übersetzten, nach dem Prinzip der Lautsprachbegleitenden Gebärde (LBG), die auch bei Simultanübersetzungen im Gottesdienst angewendet wird. Die eigentliche Gebärdensprache - ob nun die Deutsche Gebärdensprache (DGS) oder die American Sign Language (ASL) - hat ihre eigene Grammatik und professionelle Gebärdenchöre bedienen sich natürlich dieser komplexeren Sprache - ohne dabei den Rhythmus des Liedes zu verändern. Die Tatsache, dass es mehrere Sprachen gibt, in denen sich die Gehörlosen sehr präzise ausdrücken können, zeigt, dass sie keineswegs «taubstumm» sind. Dieses Wort sollte daher auch nicht mehr benutzt werden und wird von Hörgeschädigten abgelehnt. Musik und Gehörlosigkeit sind also durchaus miteinander vereinbar.
Gehörlose Menschen nehmen Musik vielleicht sogar intensiver und vielfältiger wahr als Hörende. Diese Erfahrung haben wir auf alle Fälle an diesem Sonntag gemacht. Nach unserem letzten Vortrag ernteten wir großen Applaus nach «Gehörlosen-Art»: Beide Hände in die Luft und ordentlich schütteln. [kgj]



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