Die lautlose Muttersprache

„Deine Sprache verrät dich ...“. Mit diesen Worten entlarvten etliche Menschen im Hof des Hohepriesters, Petrus als Anhänger Jesu (vgl. Matthäus 26, 73). Wie hätte sich diese Begebenheit abgespielt, wenn Petrus taub und stumm gewesen wäre? Vermutlich hätte man ihn gar nicht wahrgenommen. Oder er wäre vom Hof des Hohepriesters gejagt worden, denn Menschen, denen die Sprache fehlte, die nicht hören, sich nicht mit Worten äußern konnten, waren zu Jesu Zeit Außenseiter der damaligen Gesellschaft, lebten von Almosen und auf der Straße.

Bereits der griechische Philosoph Platon (427-347 v. Chr.) war der Ansicht, dass ein Mensch, dem die Sprache fehle, auch nicht denken könne. Wer taub oder stumm war, gehörte damit zu den Verachteten.

Die heilige Schrift greift einige Male das Schicksal behindertet Menschen auf und schildert, wie sie vom Herrn Jesus geheilt wurden. So berichtet unter anderem der Evangelist Markus von der Heilung eines Menschen, der taub und stumm war (vgl. Markus 7, 32-37). Dabei ist bedeutsam, dass diese Heilung in drei Schritten vor sich ging:

  1. Der Herr Jesus berührte den Gehörlosen, das heißt, er suchte den Kontakt, um ihm zu helfen
  2. Der Herr Jesus schaute auf zu seinem himmlischen Vater. Er suchte für sein Vorhaben die Verbindung zu Gott
  3. Der Herr Jesus sprach den Gehörlosen an mit den Worten: „Hefata!, das heißt: Tu dich auf!“
Damit gab der Sohn Gottes diesem Menschen nicht nur die Fähigkeit zu hören und zu sprechen, sondern vor allem auch die Möglichkeit, des Evangeliums Christi teilhaftig zu werden.

Nach der Ausbreitung des Christentums in ganz Europa war auch die Geistlichkeit um das Seelenheil der Gehörlosen besorgt und suchte nach Wegen, Glaubenslehre ohne das gesprochene Wort zu verbreiten. Die Existenz einer strukturierten Gebärdensprache, um christliche Lehre zu vermitteln, wurde erstmals bei Hieronymus und Augustinus im 4. Jahrhundert erwähnt. Der Mönch Pedro Ponce de León (1520-1584) aus Spanien gehörte zu den ersten Lehrern für Gehörlose. Etwas mehr als 100 Jahre später trat mit dem französischen Mönch Etienne de Fay der erste Gehörlose selbst als Mönch, Lehrer und Architekt auf.

Quelle: Zeitschrift "Unsere Familie" (09/2004)



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