So sind Gehörlose

Unterschiede

"Gehörlosigkeit ist, wenn man nichts hören kann und mit den Händen redet - sonst ist alles genauso wie bei anderen Leuten", glauben viele Menschen.

Zwischen Gehörlosen und Hörenden gibt es jedoch einige Unterschiede im Denken und Handeln. Sich gegenseitig wirklich zu akzeptieren, fällt leichter, wenn man die Unterschiede kennt und annimmt, statt sie großzügig zu übersehen oder beiseite zu drängen. Um jemand anderen anzunehmen, wie er ist, muss man ersteinmal wissen, wie er ist.

Gehörlosigkeit kann man nicht sehen
Ein wesentlicher Unterschied zu beispielsweise Rollstuhlfahrern oder Blinden: Gehörlosigkeit kann man nicht sehen. Wenn man als Hörender einen Gehörlosen von hinten anspricht und er nicht reagiert, kann kein Mensch wissen, dass er nicht stur ist, sondern einfach nichts gehört hat. Oder Sie fragen jemanden nach dem Weg, und er antwortet völlig überraschend mit einer Stimme, die grell laut und unverständlich ist. Es ist unglaublich schwierig für Gehörlose, ihre Stimme gut zu kontrollieren, ohne sich dabei selbst zu hören. Nur wenigen gelingt das so gut, dass kaum etwas zu bemerken ist, die meisten sprechen "seltsam", manche kann man gar nicht verstehen. Auf jeden Fall weiß ein Hörender vorher nicht, dass sein Gegenüber gehörlos ist und wie er sich verhalten soll.

Nicht: Taubstumm!
Mag die Aussprache vielleicht undeutlich sein - "stumm" sind Gehörlose nicht und deshalb auch nicht "taubstumm". Diesen Begriff empfinden Gehörlose sogar als Beleidigung, und Hörende sollten ihn daher nicht gebrauchen. Er steht zwar immer wieder in Zeitungen, und viele Ärzte benutzen ihn, doch das zeigt nur, wie wenig wir Hörenden über Gehörlose wissen. Sagen Sie besser "gehörlos".

Ganz pauschal gesagt gibt es zwei Gruppen von Gehörlosen, die sich darin unterscheiden, ob sie die Laut- oder die Gebärdensprache als ihre Muttersprache ansehen. Leider lehnen einige Gehörlose die Entscheidung der jeweils anderen Gruppe ab, wodurch es zu Spannungen kommen kann. Dabei haben beide Parteien die gleichen Probleme in der Kommunikation mit Hörenden, sie gehen nur auf verschiedene Arten damit um.

Musik fühlen
Häufig befällt Hörende Mitleid, "weil die armen Gehörlosen ja keine Musik und kein Vogelgezwitscher hören können." Mal abgesehen davon, dass die meisten Hörenden das vielgelobte "Vogelzwitschern" so gut wie nie bewusst wahrnehmen (das Gehirn filtert es als "unwichtige" Information heraus): Vermissen Sie die ultravioletten Farben der Blumen? Oder die Ultraschallrufe der Fledermäuse? (Menschen können kein ultraviolettes Licht sehen und keinen Ultraschall hören.) Wohl kaum. Ähnlich geht es Gehörlosen, die von Geburt oder frühen Kindesjahren an nicht hören können: Sie vermissen häufig keine Musik, weil sie noch nie welche gehört haben. Die Musik fehlt Ihnen nicht in ihrer Welt. Einige lieben es jedoch, ihre Hand aufs Klavier zu legen, Diskotheken zu besuchen oder ihre Stereoanlage zu Hause voll aufzudrehen. Sie nehmen die Schwingungen mit den Fingern, den Füßen und dem Bauch wahr. Dabei können sie sich viel besser auf Feinheiten konzentrieren als Hörende, deren Gehirn voll ausgelastet ist mit den Signalen von den Ohren. Für die Musikliebhaber unter den Gehörlosen kann das ein ähnlich schönes Erlebnis sein wie das "richtige" Hören.

Mit den Augen hören
Die Welt hält für Gehörlose nicht weniger Schönheiten bereit, nur liegen die Schwerpunkte anders, als wir Hörende es gewohnt sind. Gehörlose nutzen intensiv ihr Sehen. Informationen zum Orientieren, Lernen, Interagieren mit der Umwelt, die Kommunikation - fast alles verläuft optisch. Sehr viele Gehörlose denken sogar in Gebärdensprache. Im Gegensatz zum Gehör, das ständig Geräusche aufnimmt, muss man mit den Augen hinschauen, um etwas zu sehen. Darum kann an Gehörlosen schnell mal etwas vorbeilaufen. Informationen, schnappen Hörende zwischendurch mal auf, ein Gehörloser weiß die nur dann etwas, wenn er die Information gelesen oder gesehen hat - nebenbei erfährt er nichts. Das kann schnell zu Missverständnissen führen, wenn ein Gehörloser nicht zur Betriebsversammlung erscheint (der Termin wurde nur per Lautsprecher durchgegeben), den Geburtstag eines Kollegen vergessen hat (das heimliche Getuschel konnte er nicht hören) oder ein Kind nicht weiß, dass Hunde bellen. Deswegen sind Gehörlose nicht stur oder gar dumm. Man muss es ihnen nur so mitteilen, dass sie es sehen können.

Von den Lippen lesen
Ein bisschen machen wir es unbewusst alle, doch alleine damit ganze Wörter oder Sätze zu verstehen, ist unheimlich schwierig. Aber von den Gehörlosen erwarten Hörende, dass sie alles verstehen, was wir vor uns hinnuscheln. Es gibt Gehörlose, die sehr gut Ablesen können, doch auch die müssen passen, wenn man "ganz normal" fast ohne Lippenbewegungen spricht. Ein wenig mehr Anstrengung der Hörenden kann wahre Wunder bewirken.

Die Gebärdensprache
Wenn die Unterhaltung in Gebärdensprache verläuft, dreht sich die Situation plötzlich um. Für Gehörlose ist es keine Schwierigkeit, einem Dialog zu folgen, in dem zwei Personen gleichzeitig gebärden (Hörende dagegen verliere sofort den Faden). Sie erkennen mühelos verwaschen ausgeführte ("genuschelte") Gebärden und können ohne Probleme in eine laufende Diskussion einsteigen. Mit der Gebärdensprache blühen Gehörlose auf, fallen die vermeintlichen Barrieren in ihrem Leben. In Gebärdensprache können sie sich locker über alles unterhalten, Witze machen (die sich unmöglich in Lautsprache übertragen lassen) und Lieder singen (einem Gebärdensprachchor zuzuschauen, ist einfach phantastisch). "Wir sind nicht behindert", erklären darum Gehörlose immer wieder Hörenden. "Wir sind eine sprachliche Minderheit." Und tatsächlich erinnern die durchaus vorhandenen Probleme Gehörloser in einer hörenden Umwelt weniger den Sorgen Behinderter, als vielmehr den Schwierigkeiten eines Deutschen in einem Urlaubsland, dessen Sprache er nicht kann.



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