Chronik Süddeutschland

Seit September 1986 finden in der Gemeinde Stuttgart-Vaihingen regelmäßig Gottesdienste für Hörgeschädigte statt. Die Gottesdienste wurden anfangs simultan in die Gebärdensprache übersetzt. Heute sind drei Amtsträger in dieser Gemeinde tätig, welche die Gebärdensprache erlernen. In absehbarer Zeit kann somit auf die Übersetzung am Altar verzichtet werden.

So hat alles begonnen:
Ende der 70er Jahre war unser Bezirksapostel K. Kühnle mit der Deutschen Bundesbahn unterwegs. Dabei kam es im Zugabteil zu einem Gespräch mit einer Frau, welche hörgeschädigt war, jedoch über eine Resthörigkeit verfügte. Die Unterhaltung war nicht perfekt, aber sie führte zum Austausch der Adressen und schließlich zu einem erneuten Treffen. Bei diesem Glaubensgespräch wurde unser Bezirksapostel Kühnle von Schwester Kibellus als Dolmetscherin begleitet.

Kurze Zeit darauf meldete sich ein hörgeschädigter Glaubensbruder, Werner G., aus Wittendorf/Schwarzwald über seinen Vorsteher bei der Kirchenverwaltung. Er und seine hörgeschädigte Freundin wollten heiraten und fragten an, ob ein externer Dolmetscher bei dem Hochzeitsgottesdienst zugelassen würde. Der gehörlose Bruder berichtete, dass er schon früher gerne seine Schulkameraden – ebenfalls hörgeschädigt – in die Gottesdienste eingeladen hätte. Dies wäre aber daran gescheitert, dass es zu diesem Zeitpunkt in unserer Kirche noch keine Möglichkeit gegeben hätte, Hörgeschädigten unseren Glauben näher zu bringen. Unser Bruder hoffte nun, dass er anlässlich seiner Hochzeit viele seiner früheren Schulfreunde einladen könne.

Der damalige Bezirksälteste Kaupp führte dann die Trauung durch und wurde von Schwester Kibellus simultan am Altar übersetzt. 40 hörgeschädigte Gäste waren zu diesem Fest gekommen. Der Bezirksälteste war von diesem Erleben so beeindruckt, dass er sich mit der Bitte an seinen Apostel wandte, sich dieser Sprachgruppe mehr anzunehmen. Einmal im Monat ein Gottesdienst für Hörgeschädigte – das wäre doch schön!

All diese geschilderten Vorgänge sowie viele andere Aktionen und Anregungen unserer Geschwister Kibellus unter Mithilfe unseres Bischofs Dittus, des Apostels W. Kühnle, des Bezirksältesten Lierse aus Nordrhein-Westfalen und vieler weiterer Personen führten zur Entscheidung unseres Bezirksapostels, einmal monatlich einen solchen Gottesdienst durchführen zu lassen.

Der erste Gottesdienst:
Den ersten Gottesdienst für hörgeschädigte Geschwister und ihre Gäste hielt unser Apostel W. Kühnle am 21. September 1986 in der Kirche in Stuttgart-Vaihingen. Es waren 20 Geschwister und fünf Gäste anwesend. Das Textwort war Psalm 103,1–5.

In diesem Gottesdienst wurde die vorher erwähnte Braut (Andrea G.) in die Gemeinde aufgenommen. Seither finden jeden dritten Sonntag im Monat Gottesdienste für Hörgeschädigte statt.

Priester M. Kibellus wurde mit der Aufgabe betraut, diese Gottesdienste zu leiten; Seine Frau übersetzte die Predigt simultan in die Gebärdensprache. Priester Kibellus kümmerte sich auch um die Seelsorge unserer hörgeschädigten Geschwister.

Der Gottesdienstort Stuttgart-Vaihingen bot sich auf Grund seiner zentralen Lage und der Nähe zur Autobahn an, da sich unser Einzugsbereich von der Schweiz bis zum oberen Taubertal und der Pfalz erstreckt. Die Geschwister legen große Entfernungen zurück, um in den Gottesdienst zu kommen. Die Geschwister aus der Schweiz sind ca. vier bis fünf Stunden unterwegs und legen dabei nahezu 500 Kilometer zurück.

Ein kleiner Chor aus der Gemeinde Stuttgart-Vaihingen umrahmt die Gottesdienste. Zur Pflege der Gemeinschaft und des persönlichen Gedankenaustausches, wird nach dem Gottesdienst bei einem gemütlichen Zusammensein noch Kaffee und ein kleiner Imbiss gereicht.

Die Hörgeschädigten-Gemeinde ist seit langem fester Bestandteil der Gemeinde Stuttgart-Vaihingen. Es ist bemerkenswert, mit welcher Liebe und Freude hier von den Geschwistern große Opfer gebracht werden.

Im Lauf der Jahre hat der Bezirksälteste Lierse auch in unserer Region Gottesdienste in der Gebärdensprache gehalten, welche unsere Geschwister heute noch in der Erinnerung und im Herzen haben.

Weitere Entwicklungen:
Im Jahre 1999 wurde Priester R. Dirnberger damit beauftragt, die Aufgabe von Priester Kibellus zu übernehmen, der diese Arbeit 13 Jahre lang mit viel Liebe und selbstlosem Einsatz getan hatte.

Im selben Jahr wurden auf Anregung des Bezirksältesten Lierse Seminare ins Leben gerufen, in denen Geschwister die Möglichkeit zum Erlernen der Gebärdensprache haben.

Ein erster Aufruf hierzu führte zu einer überraschenden Zahl von Anmeldungen. Derzeit sind es 16 Teilnehmer, wovon bereits ein Großteil in der Lage ist, mit den Hörgeschädigten zu kommunizieren und die Gottesdienste zu übersetzen.

Diese Seminare werden von unserer Schwester Kibellus geleitet, deren Eltern gehörlos sind und die sich auch beruflich mit der Gebärdensprache beschäftigt.

Im Jahr 2002 durften wir zum nationalen Hörgeschädigtentreffen nach Ludwigsburg einladen, was für uns alle eine besondere Herausforderung, aber auch ein einmaliges Erleben war.

Im April 2003 feierten wir goldene Hochzeit von hörgeschädigten Geschwistern, das war bisher einmalig in unserer Gemeinde.

Gerne sind wir auch in anderen Apostelbezirken unterwegs, wenn eine Taufe, eine Versiegelung, ein Gästegottesdienst oder ein Familienbesuch zu übersetzen ist. Wir sind jederzeit mit unseren Dolmetschern zur Stelle.

Im Juni 2003 konnten wir zum ersten Mal in München-Bogenhausen einen Gästegottesdienst übersetzen, zu dem aus besonderem Anlass hörgeschädigte Menschen eingeladen waren.

Nach wie vor finden unsere Gottesdienste einmal im Monat statt. Wir haben durchschnittlich 55 Teilnehmer, darunter drei Gäste und vier Kinder.

Die Zuständigen:
Verantwortlich für die Arbeit mit Hörgeschädigten ist unser Apostel W. Kühnle. Unser direkter Ansprechpartner ist unser Bischof B. Dittus.

Gemeinschaft erleben:
Unsere Gottesdienste, Weihnachtsfeiern, Gemeindefeste und das alljährliche nationale Treffen geben uns allen das schöne Gefühl der Geborgenheit und Liebe einer ganz besonderen Gemeinschaft.

Unser Bemühen geht dahin, mit unseren Geschwistern zusammen alles daran zu setzen, die letzten Seelen zu finden und so unseren Beitrag zur Vollendung des Werkes Gottes zu leisten.

An dieser Stelle möchten wir dem Bezirksältesten Lierse unseren Dank aussprechen für seine unermüdliche Unterstützung beim Aufbau der Hörgeschädigtenarbeit in unserer Gebietskirche.

(R.D.)

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