Chronik Schweiz

1) Zur Einleitung ein herzliches Dankeschön

Es ist dem Verfasser zu Beginn dieser Chronik ein herzliches Bedürfnis, allen Pionieren in den deutschsprachigen Gebietskirchen zu danken, die schon vor über 40 Jahren begonnen hatten, Gottesdienste für Hörgeschädigte zu halten und die mit viel Eifer und grossem Aufwand Grundlagen für die seelsorgerische Betreuung hörgeschädigter Geschwister geschaffen haben, die uns heute so hilfreich zur Verfügung stehen. Namentlich genannt werden sollen, stellvertretend für viele Andere, der Bezirksälteste Günther Lierse aus der Gebietskirche Nordrhein-Westfalen und die Geschwister Kibellus aus der Gebietskirche Süddeutschland. Sie alle haben auch für die Gebietskirche Schweiz wertvolle Aufbauhilfe geleistet.

Aber auch besonderen Dank gebührt den unbekannten Geschwistern, die schon zu allen Zeiten der hörgeschädigten Schwestern und Brüder sich liebevoll angenommen haben. Sie haben ihnen im Kreis der Geschwister eine Heimat geboten, in der sie sich trotz Behinderung wohl fühlen konnten. Das Meiste wurde in aller Stille getan und nur wenig ist bekannt geworden. Das Wenige aber über das hie und da berichtet wurde war von tief bewegender Art und hat viele hörgeschädigte Geschwister hilfreich auf ihrem weiteren Glaubensweg begleitet. Ob bekannt geworden oder in Stille getan, unser himmlischer Vater hat alles gesehen und legt seinen wunderbaren Segen auf all diese Liebesarbeit.

2) Blick zurück in die Vergangenheit:

Es mag in den frühen Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts gewesen sein, da war der Verfasser dieser Chronik zu einer Ausfahrt und einem Besuch entfernter Verwandten einer seiner Tanten, nach Aarau eingeladen. Ob vor oder nach den Ereignissen, die unsere Geschwister damals in unserem Land und besonders in dieser Gegend erschütterten, kann im Rückblick nicht mehr mit Sicherheit beantwortet werden.

Von den Verwandten der Tante wurden wir ganz herzlich empfangen und lernten nach und nach die Angehörigen der anwesenden Familien kennen. Vor allem fielen zwei Brüder und eine Schwester aus der gleichen Familie auf. Ein Bruder und die Schwester waren gänzlich gehörlos, der andere Bruder besass nur ein stark eingeschränktes Hörvermögen. Alle waren mit hörenden Ehepartnern verheiratet und hatten zum Teil Kinder.

Viele Jahre später, im Jahr 1967 heiratete der Verfasser ebenfalls eine gehörlose Schwester.

Damals war zwischen Hörgeschädigten und Hörenden nur die „Orale Kommunikation“ gebräuchlich. Hörgeschädigte wurden intensiv daraufhin ausgebildet, Hörenden das Gesprochene von den Lippen abzulesen und selbst möglichst deutlich in Lautsprache zu sprechen. Die Gebärdensprache als Kommunikationsmittel zu fördern oder gar anzuerkennen wurde von Schulen wie Fachleuten strikt abgelehnt. Selbst Kurse für hörgeschädigte Eltern wurden ausschliesslich „oral“ übermittelt.

Ohne die liebevolle Betreuung der dienenden Brüder herabzumindern, diese Situation zeigte sich auch in unserer Kirche. Es wurde dafür gesorgt, dass hörgeschädigte Geschwister die Möglichkeit hatten von ihren Plätzen aus das gesprochene Wort abzulesen. Tonübertragungen wurden mit deutlichem Mundbild nachgesprochen oder die Geschwister konnten an die Orte fahren wo die Gottesdienste stattfanden, mit Eintrittskarten versehen, gekennzeichnet mit „T“, (Taubstumm). Bei solchen Gelegenheiten trafen sich dann die eingangs erwähnten hörgeschädigten Geschwister aus dem Aargau mit der Frau des Verfassers.

Gänzlich unbekannt blieben aber die Aufbauarbeiten der Bezirkskirchen Deutschlands in unserem Land nicht. So war der Bericht eines Gottesdienstes bekannt, den Stammapostel Schmidt 1969 in Dortmund-West, für hörgeschädigte Geschwister und Gäste gehalten hatte.
Auch in der Zeitschrift „Unsere Familie“ erschienen hie und da eindrückliche und bewegende Berichte über Begegnungen und Erlebnisse mit hörgeschädigten Geschwistern.

Bezirksapostel Urwyler veranlasste wohl einmal eine Umfrage in der Frage: Betreuung und Seelsorge hörgeschädigter Geschwister mittels Gebärdensprache; Aber, auf Grund der damaligen Kenntnisse, war keine positive Antwort möglich. So blieb der Status quo lange Zeit auf gleichem Stand bestehen.

3) Zwischenstation: Gottesdienste für Hörgeschädigte in Stuttgart-Vaihingen:

Im Sommer 1987 erschien in der Zeitschrift „Unsere Familie“ ein Bericht über Gottesdienste für Hörgeschädigte in Stuttgart-Vaihingen, die in die Gebärdensprache übersetzt werden. Daraufhin beschlossen hörgeschädigte Geschwister aus der Ostschweiz einen solchen Gottesdienst zu besuchen.
Da die Verhältnisse nicht bekannt waren erfolgte die erste Hinfahrt abenteuerlich mit Auto, Bahn, Vorortbahn und Taxi. Ganz herzlich aber wurden sie aufgenommen. Der Gottesdienst selber, von Schwester Kibellus in die Gebärdensprache übersetzt, wurde zu einem eindrücklichen Erlebnis und Freude wie Begeisterung waren gross. Der damalige Vorsteher der Gemeinde Stuttgart-Vaihingen, Hirte Zimmermann, empfahl, im Jahr drei bis vier solcher Gottesdienste für Hörgeschädigte zu besuchen. Tatsächlich war es aber möglich beinahe jeden dieser Gottesdienste auszukaufen, da diese in den ersten Jahren jeweils nachmittags um 15.00 Uhr stattfanden. So konnte bequem, ohne etwas zu versäumen, nach dem Gottesdienst in der Heimatgemeinde, nach Stuttgart gefahren werden. Die Fahrzeit mit dem Auto betrug knapp 5 Stunden, hin und zurück.
Diese Besuche waren schöne gemeinsame Erlebnisse. Besonders für Familien in denen Hörende und Hörgeschädigte zusammenleben sind gemeinsame und verbindende Erlebnisse sehr wichtig.

Später, als an Sonntagen sowohl die Nachmittags- wie Abendgottesdienste ausfielen, wurden die Gottesdienste für Hörgeschädigte auf 11.00 Uhr Vormittags festgelegt. Auch dann ermöglichten die Bezirks- und Gemeindevorsteher es immer wieder dass diese Gottesdienste besucht werden konnten und nichts versäumt werden musste.

Betreffs Zeitaufwand und Kosten dachte man an Geschwister in Ländern, in denen auch in heutiger Zeit viel grössere Opfer und Strapazen aufgebracht werden müssen um Gottesdienste zu besuchen. Im Gegenzug waren oft die Geschwister Kibellus in der Schweiz, um bei Silberhochzeiten, Taufen oder Stammapostelgottesdiensten in die Gebärdensprache zu übersetzen.

4) Gottesdienste in der Ostschweiz, übersetzt in die Gebärdensprache:

Mit Begeisterung wurde auch den anderen hörgeschädigten Geschwistern von den Erlebnissen in Stuttgart-Vaihingen erzählt, verbunden mit der Einladung, ebenfalls mitzukommen.

Da aber den meisten hörgeschädigten Geschwistern Weg und Zeitaufwand nach Stuttgart-Vaihingen zu gross waren, musste schweren Herzens nach einer Lösung in der Ostschweiz gesucht werden. So veranlassten Apostel Paul Keller, Bischof Heinz Hauri und Bezirksältester Guido Leuthold, dass im Bezirk Wil monatlich ein Gottesdienst in die Gebärdensprache übersetzt wird. Dabei sind es aber bis heute nicht eigentliche Gottesdienste für Hörgeschädigte, sondern „Normale Gottesdienste“ die simultan in die Gebärdensprache übersetzt werden.

Der erste derartige Gottesdienst fand am 20. November 1994 in der Gemeinde Bischofszell statt. Der zweite Gottesdienst dann, gehalten von Apostel Paul Keller, bereits am 4. Dezember 1994 in der Gemeinde Müllheim. In dieser Anfangsphase leisteten die Geschwister Kibellus wiederum tatkräftige Hilfe. Von den Anfängen an bis heute dient Schwester Danielle Bösch als Übersetzerin.

Herausragende Erlebnisse waren jeweils die Stammapostelgottesdienste im Bezirk Wil, zu denen alle hörgeschädigten Geschwister der deutschsprachigen Schweiz eingeladen werden durften und die in die Gebärdensprache übersetzt wurden.
An Weihnachten 1997 diente Stammapostel Fehr in Frauenfeld, im November 2001 in Bronschhofen (Wil) und zuletzt, am 25. März 2007, Stammapostel Leber in Oberuzwil.

Den ersten eigentlichen Gottesdienst für Hörgeschädigte in der deutschsprachigen Schweiz hielt am 22. August 2004 der Bezirksevangelist Ernst Messmer, in der Gemeinde Wil. Damals besuchten uns die Geschwister der Hörgeschädigtengemeinde Stuttgart-Vaihingen. Ganz besonders freuten sich die anwesenden Geschwister über die speziellen Grüsse des Stammapostels Fehr.

Ein weiterer Markstein war 1997, als das „Glaubensbezogene Gebärdenlexikon“, herausgegeben wurde, erarbeitet vom Bezirksältesten Günther Lierse. Dieses Lexikon wurde an alle bekannten hörgeschädigten Geschwister in der Schweiz und ihre Betreuer verteilt und bildet bis heute für die Übersetzer, vor allem im Bereich „Glaubensbezogene Gebärden“, eine wertvolle Grundlage.

Im Jahr 2000, angemeldet von der Gebietskirche Süddeutschland, besuchte eine hörgeschädigte Schwester aus der Schweiz in Stade, (Norddeutschland), ein Hörgeschädigtentreffen. Sie wurde in Hamburg vom Flughafen abgeholt, nach Stade begleitet und bis zu ihrer Wiederabreise liebevoll betreut. Seither besuchen regelmässig hörgeschädigte Geschwister aus der Schweiz diese Treffen, bis und mit dem Jahr 2003 jeweils angemeldet von der Gebietskirche Süddeutschland.

Seit dem Jahr 2006 finden jeweils zwei in die Gebärdensprache übersetzte Gottesdienste im Bezirk Graubünden statt.

Waren die ersten Jahre oft von Durststrecken und Rückschlägen gekennzeichnet, (Hörgeschädigte Geschwister besuchten infolge persönlicher Probleme die Gottesdienste nicht mehr), so hat sich doch letztendlich das Festhalten am Begonnenen gelohnt. Dankbar dürfen wir heute feststellen dass auch hörgeschädigte Geschwister, die jahre- und jahrzehntelang keinen Kontakt zu unserer Kirche mehr hatten, heute wieder die Gottesdienste besuchen.
Seit längerem können jeweils drei bis sechs Hörgeschädigte in den Gottesdiensten begrüsst werden.

5) Ausbreitung auf die übrige deutschsprachigen Schweiz:

Im Jahr 2003 besuchte der Bezirksälteste Kurt Suter, (Bezirk Zofingen), das Hörgeschädigtentreffen in Berlin. Dieses eindrückliche Erlebnis bewog ihn, beim Bezirksapostel Armin Studer zu beantragen, dass auch die Bezirkskirche Schweiz sich den Anstrengungen der übrigen deutschsprachigen Gebietskirchen, die Hörgeschädigtenseelsorge betreffend, anschliesse.

Verbunden mit dem Auftrag an den Bezirksältesten, die Gebietskirche Schweiz in diesen Belangen nach aussen zu vertreten sowie die Anstrengungen in der Schweiz in denselben zu koordinieren, wurde diesem Wunsch entsprochen.

Mit Schreiben vom 1. Januar 2004 wurden alle Bezirksvorsteher der Schweiz aufgefordert die ihnen bekannten hörgeschädigten Geschwister mit ihren Hauspriestern zu melden. Seit diesem Datum werden alle Angelegenheiten im Bereich Hörgeschädigtenseelsorge, auch diejenigen der Ostschweiz, durch den Bezirksältesten Suter betreut. Durch diese segensreiche Regelung ist vieles heute möglich, was in früheren Zeiten undenkbar war.

Am Hörgeschädigtentreffen 2004, in Rheda-Wiedenbrück, traten die Geschwister aus der Schweiz erstmals als Teilnehmer der Gebietskirche Schweiz auf.

Eine besondere Herausforderung brachte das Jahr 2007, da das Hörgeschädigtentreffen in der Schweiz stattfand. Bereits im Frühjahr 2006 wurden wichtige Vorentscheidungen getroffen und die Monate des Jahres 2007 bis zum Hörgeschädigtentreffen waren gekennzeichnet durch intensive Detailplanung und Detailarbeit. Das Team „Hörgeschädigtentreffen 2007, Thun / Fribourg“ wurde kompetent durch die „Arbeitsgruppe für Grossanlässe“ unterstützt. Darüber hinaus leisteten viele Brüder und Schwestern vor, während und nach diesem Anlass, wertvolle Hilfe.
Besondere Erwähnung verdienen junge Geschwister aus den Bezirken Uster und Winterthur, die den Gebärdenchor bildeten und die nach wenigen Proben, zusammen mit dem Jugendchor, Lieder in der Gebärdensprache vortragen konnten.

Das Hörgeschädigtentreffen in Thun / Fribourg verdient deshalb noch besondere Erwähnung, weil in allen Anstrengungen für diesen Anlass die Grundlage für zukünftige Entwicklungen liegen könnte.
So lässt es sich vielleicht realisieren, dass auch im Raum Aargau – Bern - Solothurn regelmässig Gottesdienste in die Gebärdensprache übersetzt werden und dass an einem zentral gelegenem Ort, ein- bis zweimal im Jahr eigentliche Gottesdienste für Hörgeschädigte stattfinden können.
Dazu braucht es aber zwei bis drei zusätzliche Übersetzerinnen / Übersetzer, die sich aus dem Kreis der Jugend finden lassen könnten.
Zwei bis drei Stufen Grundausbildung in der Gebärdensprache, verbunden mit Selbststudium anhand des „Glaubensbezogenen Gebärdenlexikons“ und anderer einschlägiger Unterlagen, dürften für den Einstieg in die Übersetzertätigkeit in unserer Kirche zunächst genügen.

Mit Schreiben vom 30. Oktober 2007 wurde der Flyer „Seelsorge für Hörgeschädigte Menschen“ auch an die Vorsteher der österreichischen Gemeinden geschickt.

6) Epilog:

Zeigen die voraufgegangenen Abschnitte der Chronik in etwa den vergangenen und gegenwärtigen Stand in der Hörgeschädigtenseelsorge dar, so ist es sicher richtig auch einen Blick in Erfordernisse der Zukunft zu richten.

Unter den Hörgeschädigten selber finden zurzeit sehr kontroverse Auseinandersetzungen über die Kommunikationsformen statt, wobei Diskussionen, die Anwendung von CL-Implantaten betreffend, eine grosse Rolle spielen. Langfristig gesehen werden wohl auch bei den Hörgeschädigten sowohl die „Orale Verständigung“ wie auch die Gebärdensprache als gleichwertige Kommunikationsmittel anerkannt und je nach Umstand, die Eine oder die Andere angewendet werden.
Die Gebärdensprache selber hat noch ein sehr grosses Entwicklungspotential und viele Institutionen sind zurzeit an der Arbeit dieses auszuschöpfen.

Abgesehen von diesen Entwicklungen, auch im Gedanken, dass es noch andere Behinderungen gibt:
Für behinderte wie nichtbehinderte Geschwister ist wichtig, dass ein tragfähiges Beziehungsnetz sie mit unserer Kirche verbindet. Müssen wesentliche soziale Bedürfnisse ausserhalb unserer Kirche abgedeckt werden, so bedeutet dies eine besondere Gefährdung.
Darum ist wesentlich wie auch behinderte Geschwister in die Gemeinden eingebunden werden. Überregionale Veranstaltungen sind überaus wichtig, können aber Integrationsanstrengungen, die in den Gemeinden erbracht werden müssen nicht ersetzen.
Werden behinderte Kinder in Gemeinden hineingeboren, so müssten diese Bemühungen mit Eintritt in die Vorsonntagschule spätestens schon beginnen.
Kinder, richtig angeleitet, lernen leicht mit Behinderungen umzugehen und sich gegenseitig zu respektieren.

Betroffene Eltern, Geschwister, Gemeindevorsteher oder Hauspriester sind sicher äusserst dankbar für Anregungen und Beratungen, seitens einschlägiger Fachstellen in den Gebietskirchen.

Oberbüren, Schweiz, 26. Februar 2008 Ernst Rechsteiner


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