Chronik Nordrhein-Westfalen

Am Buß- und Bettag 1962 diente Apostel Knaupmeier in der Gemeinde Diepholz, Bezirk Osnabrück. Nach dem Gottesdienst fragte er den anwesenden Evangelisten G. Lierse: „Evangelist Lierse, sehen Sie eine Möglichkeit, in Nordrhein-Westfalen einmal einen Gottesdienst für Gehörlose zu halten? Unser Stammapostel möchte, dass diese Geschwister zu einem besonderen Gottesdienst zusammenkommen können.“ Evangelist Lierse, Sohn gehörloser Eltern, war von der Frage zunächst überrascht. Er übernahm diese Aufgabe jedoch gern. Er hatte gerade ein Zusatzstudium in Hamburg begonnen, um Lehrer für Gehörlose und Schwerhörige zu werden.

Im Januar 1963 wurden dann die Bezirksämter von Nordrhein-Westfalen gefragt, in welchen Gemeinden es hörgeschädigte Geschwister gäbe. Es stellte sich heraus, dass es eine Vielzahl Hörgeschädigter gab.

So fand am 12. Mai 1963 in Dortmund-Nord der erste Hörgeschädigten-Gottesdienst in unserer Gebietskirche statt. Evangelist Lierse hielt ihn nach dem Textwort aus Lukas 10,23.24:

„Er [Jesus] wandte sich zu seinen Jüngern und sprach insonderheit: Selig sind die Augen, die da sehen, was ihr sehet. Denn ich sage euch: Viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr sehet, und haben’s nicht gesehen, und hören, was ihr höret, und haben’s nicht gehört.“ (Luther-Bibel in der Übersetzung von 1912)

An diesem ersten „nur für sie“ gehaltenen Gottesdienst nahmen 43 Gehörlose und Hörgeschädigte teil. Es war der erste Gottesdienst, welcher in einfacher normaler Sprache und zugleich in der Gebärdensprache durchgeführt wurde. Er löste bei den Geschwistern sehr viel Freude aus.

Der Stammapostel erhielt viele Briefe von Hörgeschädigten, in denen sie sich bei ihm für diesen bisher einmaligen Gottesdienst bedankten. Die Geschwister baten aber auch, öfter solche Gottesdienste erleben zu können. Der Stammapostel beschloss daraufhin, dass diese besonderen Gottesdienste regelmäßig – alle zwei Monate – stattfinden sollten. So führte Evangelist Lierse ab Mai 1963 alle zwei Monate einen Hörgeschädigten-Gottesdienst in Dortmund-Nord durch. Dorthin kamen die Geschwister aus ganz Nordrhein-Westfalen.

Unter den Teilnehmern der ersten Gottesdienste waren auch Ursula P., die gehörlose Tochter des Vorstehers der Gemeinde Düsseldorf-Wersten. Sie sollte 1964 konfirmiert werden. Auf besonderen Wunsch kam Evangelist Lierse am 22. März 1964 nach Düsseldorf-Wersten, um dort den Konfirmationsgottesdienst in der Gebärdensprache zu halten – ein bis dahin einmaliges Ereignis.

Die regelmäßigen Gottesdienste für die Hörgeschädigten fanden auch weiterhin in Dortmund-Nord statt. Um den Geschwistern die Fahrten zu erleichtern, wurden Mitte der 60er Jahre zusätzliche Gottesdienstorte festgelegt: Bielefeld, Essen und Düsseldorf. Für die viele Arbeit brauchte Evangelist Lierse Unterstützung. Einige Brüder waren bereit, dem Evangelisten zu helfen, so u. a. Priester H. Reinecke aus Iserlohn, Vater einer gehörlosen Tochter, Priester H. Pommerenke aus Düsseldorf († 14. November 1994), Vater einer gehörlosen Tochter, und Priester E. Wittenbreder aus Bielefeld/Quelle, der damals einen gehörlosen Gast betreute.

Stammapostel Schmidt ließ sich von den Brüdern regelmäßig über die „neue“ Gemeinde informieren. Die Hörgeschädigten waren ihm besonders ans Herz gewachsen. Auch Apostel Dicke interessierte sich sehr für die Arbeit an den hörgeschädigten Geschwistern. Er diente als erster Apostel den Hörgeschädigten zu Pfingsten 1967 in Düsseldorf-Derendorf.

Ungefähr zweieinhalb Jahre später fand noch ein besonderes Ereignis statt. Der erste Stammapostelgottesdienst nur für die Hörgeschädigten. Stammapostel Schmidt diente ihnen am 28. September 1969 in Dortmund-West. Das Textwort aus Philipper 4,4.5 lautete:

„Freuet euch in dem Herrn allewege! Und abermals sage ich: Freuet euch! Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe!“ (Luther-Bibel in der Übersetzung von 1912)

An diesem Gottesdienst nahmen 103 hörgeschädigte Geschwister und Gäste teil. Evangelist Lierse übersetzte das Dienen am Altar in die Gebärdensprache. Bezirksapostel Schiwy, Apostel Dicke und Apostel Engelauf begleiteten den Stammapostel. Nach dem Gottesdienst überreichten die Hörgeschädigten dem Stammapostel und den Aposteln Blumen.

In der folgenden Zeit wuchs die Teilnehmerzahl der betroffenen Geschwister und mitarbeitenden Amtsbrüder. So wurden die Hörgeschädigten-Gottesdienste eine feste Einrichtung innerhalb unserer Gebietskirche.

Am 10. Oktober 1971 konnte Evangelist Lierse die erste Trauung zweier hörgeschädigter Geschwister durchführen: Ursula P. und Wilfried B. schlossen den Bund fürs Leben.

Im Jahre 1973 konnte dann der 10. Jahrestag des ersten Hörgeschädigten-Gottesdienstes begangen werden. Apostel Dicke hatte geplant, diesen besonderen Gottesdienst am 13. Mai in Düsseldorf-Derendorf durchzuführen. Doch ging der Apostel gerade an diesem Tag heim.
Das Interesse des Stammapostels an der Gemeinde der Hörgeschädigten war auch weiterhin groß. So hielt er am 11. November 1973 den zweiten Gottesdienst bei den Geschwistern. Er diente in Dortmund-West mit dem Wort aus Römer 4,20–22:

„Denn er zweifelte nicht an der Verheißung Gottes durch Unglauben, sondern ward stark im Glauben und gab Gott die Ehre und wusste aufs allergewisseste, dass, was Gott verheißt, das kann er auch tun. Darum ist’s ihm auch zur Gerechtigkeit gerechnet.“ (Luther-Bibel in der Übersetzung von 1912)

Im darauf folgenden Jahr hielt auch Bezirksapostel Schiwy am 27. Oktober 1974 in Dortmund-Eving einen Gottesdienst für die Hörgeschädigten.

Bezirksapostel Engelauf diente den Geschwistern am 12. April 1981 in Bielefeld-Senne I.

Die hörgeschädigten Geschwister nahmen rege an den angebotenen Gottesdiensten teil. Alle zwei Wochen traf man sich und hatte ein wenig Zeit, Kontakte zu pflegen. Damit die Gemeinschaft noch besser gefördert werden konnte, wurde Mitte der 80er Jahre ein Imbiss nach dem Gottesdienst eingeführt. Alle Geschwister konnten noch zusammen sein und gemeinsam „plaudern“.

Am 19. April 1987 hielt der Bezirksälteste Lierse die Trauung von Marina und Jochen S. (beide gehörlos) in Remscheid; ca. dreieinhalb Jahre später am 11. November 1990 taufte er auch ihren Sohn Joscha.

Am 19. Mai 1988 hielt Bezirksapostel Engelauf einen Gottesdienst zum 25-jährigen Jubiläum der Gottesdienste für Hörgeschädigte. In diesem Gottesdienst, der in Dortmund-Eving stattfand, ordinierte er den ersten hörgeschädigten Amtsbruder. Jochen S., gehörlos, aus der Gemeinde Remscheid empfing das Unterdiakonenamt.

Die Zahl der mitarbeitenden Amtsbrüder wuchs, sodass Ende 1994 sechs priesterliche Ämter den Hörgeschädigten abwechselnd dienten.

Am 19. März 1995 hielt Bezirksapostel Ehlebracht einen Gottesdienst in der Gemeinde Münster-Süd. Auch die Hörgeschädigten waren dazu eingeladen. In diesem Gottesdienst trat der langjährige Bezirksälteste Lierse in den Ruhestand. Die Verantwortung für die Betreuung der Hörgeschädigten übernahm dann Apostel Klippert. Er nahm diese Aufgabe bis 1998 wahr. Von da an war Apostel Homburg „Vorsteher“ der Hörgeschädigten.

Zur Freude der hörgeschädigten Geschwister wurden die Gottesdienste bald vorwiegend in ihren Heimat-Gemeinden gehalten. Einer von zwei Gottesdiensten pro Monat begann um 11.00 Uhr und der andere um 9.30 Uhr. Den 9.30-Uhr-Gottesdienst erlebten die Hörgeschädigten gemeinsam mit den Brüdern und Schwestern der jeweiligen Gemeinde. Bei den 11.00-Uhr-Terminen blieben die Hörgeschädigten „unter sich“. Die gemeinsamen Gottesdienste haben die Gemeinschaft und das Verständnis der Hörbehinderten mit den Nicht-Hörbehinderten fühlbar gefördert.

Ein lang gehegter Wunsch der Hörgeschädigten erfüllte sich 1999. Viele von ihnen hätten gern schon lange mehr Kontakt zu den gehörlosen Geschwistern in den benachbarten Gebietskirchen gehabt. Nun wurde ein Treffen zwischen den Gebietskirchen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen geplant. Allerdings fand diese Idee auch in den übrigen Gebietskirchen so viel Anklang, dass ein bundesweites Treffen daraus wurde. Am 5. Juni 1999 trafen sich erstmals alle Hörgeschädigten mit ihren Begleitern in Bielefeld-Quelle. Den Gottesdienst am Vormittag hielt Bischof Simon. Er diente mit dem Wort aus Prediger 4,17:

„Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Hause Gottes gehst, und komme, dass du hörest...“ (Luther-Bibel in der Übersetzung von 1912)

Die Freude der teilnehmenden Geschwister war riesig groß. Zum ersten Mal konnte man sich in so großer Runde austauschen. Diese Freude bewegte Bruder B. aus dem Bezirk Hamburg dazu, spontan alle Geschwister für das darauf folgende Jahr zum Stammapostel-Gottesdienst in Stade einzuladen. Der Vorsteher von Stade, Hirte Hilmer, der auch zugegen war, erklärte allerdings, dass eine Einladung zum Stammapostel-Gottesdienst aus Platzgründen leider nicht möglich wäre. Er begrüßte es aber andererseits sehr, wenn jedes Jahr ein bundesweites Treffen stattfinden könnte, und lud alle Teilnehmer für das Jahr 2000 nach Stade ein. Damit war das zweite bundesweite Treffen schon angekündigt. Und seither ist es „Tradition“, einmal jährlich zu einem bundesweiten Treffen in einer der verschiedenen Gebietskirchen zusammenzukommen.

Zur Förderung der Gemeinschaft wurden seit dem Jahr 2000 auch Grilltage veranstaltet. Dabei konnte bei Salat, Grillwurst, Kuchen etc. viel „geplaudert“ werden.

Der Kreis der Geschwister, die sich der Hörgeschädigten annehmen, erweiterte sich von Jahr zu Jahr. So waren Ende des Jahres 2003 neben Apostel Homburg und Bischof Krebs neun priesterliche Ämter und acht Diakone als Seelsorger für die Hörgeschädigten tätig; über 30 Geschwister und Amtsbrüder standen als Übersetzer zur Verfügung.

Die Aufgaben der mithelfenden Amtsbrüder wurden mit den Jahren immer größer. Eine Erfahrung aus der Arbeit an Hörgeschädigten war, dass eine gute seelsorgerische Betreuung nur mit einer entsprechenden fachlichen Ausbildung gelingen kann. Deshalb führte Bezirksältester Lierse 1994 und 1997 Seminare in Quelle bzw. Dortmund durch. Aufgrund seiner großen Erfahrung und des langjährigen Umgangs mit hörbehinderten Menschen war er in der Lage, den Seminarteilnehmern wertvolles Rüstzeug für ihre Aufgabe zu vermitteln.

Und eine weitere Hilfe gab Bezirksältester Lierse den Mitabeitern mit auf den Weg: ein von ihm erstelltes glaubensbezogenes Gebärdenlexikon. Darin sind die wichtigsten Gebärden für die Übersetzung von z. B. Gottesdiensten abgebildet.

(S.J.)


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