Chronik Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland

Im Jahre 1963 gab Stammapostel Walter Schmidt den Bezirksaposteln die Anregung, zu überlegen, ob in ihren Bezirken Gottesdienste für hörgeschädigte Geschwister gehalten werden können. Er verwies dabei auf die über alle Erwartungen guten Auswirkungen eines Gottesdienstes, den der damalige Evangelist G. Lierse, Osnabrück, am 12. Mai 1963 in Dortmund gehalten hatte. Daraufhin richtete Bezirksapostel Rockenfelder eine entsprechende Anfrage an die Vorsteher seines Bereichs. Die Antworten ließen jedoch keine Möglichkeiten für derartige Gottesdienste erkennen, insbesondere wohl deshalb, weil geeignete Amtsbrüder fehlten. So blieb der vom Stammapostel in Fürsorge für diesen Personenkreis gegebene Impuls hier vorerst leider ergebnislos.

Etliche Jahre später fiel einem Wiesbadener Amtsträger auf, dass in unserem Kirchenadressbuch unter dem Apostelbezirk Nordrhein-Westfalen Gottesdienste für Gehörgeschädigte angegeben waren. Das gab den Anstoß, mit seinem 14-jährigen Sohn, der von Geburt an gehörlos ist, zu einem dieser Gottesdienste nach Nordrhein-Westfalen zu fahren. Dort konnte der Junge erstmals in seinem Leben das Wort der Predigt in „seiner“ Sprache aufnehmen.

Die erfreuliche Wirkung weiterer Gottesdienstbesuche in Nordrhein-Westfalen und der bei diesen Gelegenheiten entstandene Kontakt zum Bezirksevangelisten Lierse, dem späteren Bezirksältesten, ließen den Wunsch immer stärker werden, solche Gottesdienste für Hörgeschädigte auch im eigenen Bereich erleben zu können.

Bezirksapostel Rockenfelder, dem die Situation jenes jungen gehörlosen Bruders seit Jahren bekannt war, griff das Anliegen gerne auf. Er wandte sich mit einem Rundschreiben vom 1. April 1982 an seine Bezirksvorsteher und bat sie, ihm gehörlose und hochgradig schwerhörige Geschwister mitzuteilen sowie Brüder und Geschwister zu benennen, die über Kenntnisse in der Gebärdensprache der Gehörlosen oder über Erfahrung im Umgang mit Hörbehinderten verfügten.

Damit war der Anfang für die weitere Arbeit auf diesem speziellen Gebiet der Seelsorge getan. Anders als vor 19 Jahren wurde nunmehr bekannt, dass es im Apostelbezirk doch eine Anzahl hörgeschädigter Geschwister gibt. Hinsichtlich der Frage nach geeigneten Kräften, die auf diesem Gebiet mithelfen könnten, kamen jedoch leider keine positiven Meldungen.

Also nutzten wir die inzwischen entstandene Verbindung zu dem Knecht Gottes, der in dieser Arbeit in Nordrhein-Westfalen schon lange segensreich wirkte: Bezirksältester Lierse erklärte sich bereit, auch in Hessen den Hörgeschädigten, die ihm über Organisationsgrenzen hinweg so sehr am Herzen liegen, im Rahmen des Möglichen mit seinen wertvollen Fähigkeiten zu dienen.

Im Einvernehmen mit den beiden zuständigen Bezirksaposteln hielt Bezirksältester Lierse am Sonntag, dem 8. August 1982, in der Kirche Gießen-West den ersten Gottesdienst für Hörgeschädigte in unserem Apostelbezirk. Für manchen der anwesenden zwölf hörgeschädigten Geschwister war es eine ganz neue Erfahrung, dass sie einem Gottesdienst in der Wortverkündigung mit den aus dem Heiligen Geist gewirkten Gedankengängen folgen konnten. Die Begeisterung war groß.

Dieser Anfang ermutigte einige Brüder und Schwestern zum Besuch von Gebärdenkursen, die in Frankfurt/Main eigens für unsere Gruppe eingerichtet wurden. Wir begannen im Frühjahr 1983 mit 14 Teilnehmern.

Am 10. September 1983 fand der zweite Gottesdienst für Hörgeschädigte statt, den, wie im Jahr zuvor, ebenfalls der Bezirksälteste Lierse in Gießen-West hielt.

Dieser eifrige und liebevolle Knecht Gottes war es dann auch, der sich dem Kreis unserer in dieser Arbeit noch unerfahrenen Mitarbeiter mit großer Hingabe annahm und sie vertraut machte mit den speziellen Gebärden aus dem Wortschatz unseres Glaubens und kirchlichen Lebens. Aus seiner reichhaltigen Erfahrung gab er wertvolle Ratschläge für die seelsorgerische Betreuung der Hörgeschädigten und zu den Besonderheiten, die bei der Durchführung der Gottesdienste beachtet werden sollten. Er ließ die Brüder auch mitarbeiten an der Erstellung des von ihm verfassten Buches „Glaubensbezogenes Gebärdenlexikon“. Das waren überaus lehrreiche Stunden.

Selbst nach seinem Eintritt in den Ruhestand fuhr Bezirksältester Lierse fort, sich für die Förderung der Hörgeschädigtenarbeit in unserem Bereich tatkräftig einzusetzen. Am 10. Juni 1995 hielt er in Wiesbaden ein Seminar zum Thema „Seelsorgerische Betreuung der Hörgeschädigten“. Aus dem gesamten Bezirksapostelbereich waren dazu die Vorsteher und weiteren Amtsträger eingeladen worden, die im Kreis der anvertrauten Gotteskinder Hörgeschädigte haben. 54 Teilnehmer erhielten Aufschluss zum Umgang mit Hörgeschädigten und vielfältige Anregungen, um diesen Seelen eine Hilfe auf dem Glaubensweg sein zu können.

Dank der aus Nordrhein-Westfalen, auch im Rahmen von intensiven persönlichen Kontakten, empfangenen Hilfestellungen konnte im Jahr 1984 damit begonnen werden, dass Amtsträger aus Hessen Gottesdienste in Gebärdensprache halten. In festem Turnus fanden die Gottesdienste anfangs vierteljährlich statt, seit 1989 alle zwei Monate.

Regelmäßiger Gottesdienstort war zunächst die Kirche der Gemeinde Gießen-West (in Gießen, Krofdorfer Straße 73). Bis zum Frühjahr 1998 fanden dort insgesamt 75 Gottesdienste für Hörgeschädigte statt.

Zwischen den Amtsträgern und Geschwistern der Gemeinde Gießen-West, die an diesen Gottesdiensten teilnahmen, und der kleinen „Gemeinde der Hörgeschädigten“ entwickelte sich ein ganz herzliches Verhältnis. Darum fiel es schwer, als im Zusammenhang mit der neuen Gottesdienstordnung und strukturellen Änderungen der Gießener Stadtgemeinden ein Ortswechsel notwendig wurde.

Seit Mai 1998 werden die Hörgeschädigten-Gottesdienste in der Gemeinde Lich gehalten (Bahnhofstraße 32). Von dem Bier, das in diesem oberhessischen Städtchen gebraut wird, sagt man, es käme „aus dem Herzen der Natur“. Aus den Herzen der Licher Gotteskinder fließt den zum Teil von weither anreisenden Brüdern und Schwestern viel wohltuende Zuwendung entgegen, die stärkt und erquickt. So wurde Lich sehr schnell zur neuen liebgewordenen Herberge.

Im Anschluss an die Gottesdienste nehmen die Hörgeschädigten mit ihren Betreuern in einem Nebenraum der Kirche gemeinsam einen Mittagsimbiss ein, den Geschwister der dortigen Gemeinde mit viel Hingabe bereiten. Das sind dann auch willkommene Gelegenheiten zur Gemeinschaftspflege, die dankbar wahrgenommen werden und viel Freude wirken. Und wenn sich die Gemeinde Lich im Sommer nach einem Sonntagsgottesdienst zum Gemeindefest im großen Garten ortsansässiger Geschwister versammelt, dann sind auch die Hörgeschädigten mit ihrer Begleitung dabei.

Meist werden die Gottesdienste von dem beauftragten Bezirksältesten oder Hirten gehalten. Höhepunkte waren die Gottesdienste, in denen ein Apostel Jesu diente. So haben bisher die vier Apostel Freudenberg, Sommer, Kreuzberger und Opdenplatz dieser besonderen Gemeinde Segensstunden mit tiefgehender Wirkung bereitet.

Manche schöne Entwicklung ist Ursache zur Dankbarkeit. Dazu gehört unter anderem auch, dass der junge gehörlose Bruder, für den seinerzeit die Aktivitäten aufgenommen wurden, seit einigen Jahren als Diakon in seiner Gemeinde dient. Vieles bleibt noch zu tun; der Herr möge dazu seine Hilfe, Kraft, Gelingen und Segen schenken.

(M.J.)


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